Mutter Silbert
Übermäßige Trauer beeinflusste den Todesablauf beim sterbenden Sohn. Aus dem Jenseits warnte er durch Medium Silbert seine trauernde Mutter, die Selbstmord plante, sich bloß nicht umzubringen, weil sie damit noch weiter von ihm weg sei als momentan und sie in Dunkelheit käme. {R. Sekanek: "Mutter Silbert", Otto Reichl Verlag, Remagen 1959; zit. n. WS.LniT.129-131}
Der folgende
Fall ereignete sich bei dem Grazer Medium Maria Silbert, die von 1866 bis 1936 lebte. Unter
Leitung eines jenseitigen Wesens, eines so genannten Kontrollgeistes, der sich
Nell nannte, ereigneten sich durch sie und in ihrer Nähe mehr als 25 Jahre lang
eine Vielzahl paranormaler und sehr beeindruckender Geschehnisse. Eine Vielzahl
von Verstorbenen bekundete sich durch ihren Mund.
In Bezug auf den Kontrollgeist und Verursacher der meisten
Erscheinungen konnte man durch Nachforschung in Erfahrung bringen, dass es sich
um den im 17ten Jahrhundert auf dieser Erde gelebt habenden Franziskanermönch
und späteren General dieses Ordens namens Vincentius Coronelli handelte. Er gab
als Motiv für sein jahrelanges und aufsehenerregendes Handeln an: 'Ich habe die
Allmacht gebeten, in einer Zeit, in der die Welt im tiefsten Materialismus
liegt, wiederzukommen, um Beweise von einem Jenseits zu geben. Tage steigen
herauf, die eure Kraft vonnöten haben. Arbeitet in meinem Sinn. Was ich vor
Jahrhunderten gelehrt und nicht vollenden konnte, das vollendet ihr."
Um Frau Silbert scharte sich ein Kreis von Menschen,
der regelmäßig zusammenkam.
Ein Berichterstatter, der Ingenieur Rudolf Sekanek, schreibt:
"Herr W., ein hoher Eisenbahnbeamter und treuer Anhänger, war das einzige
Kind seiner Eltern. Man erfüllte ihm jeden Wunsch. Abgöttisch wurde er geliebt,
besonders von seiner alten Mutter. Sie lebten in schönster Harmonie, es gab
keine Meinungsverschiedenheiten. Nur im Falle Silbert konnte sie
ihren Sohn nicht verstehen. Sie sah in diesen Erscheinungen des Teufels Hand im
Spiel und war durch ihren Sohn nicht zu überreden, auch nur einer einzigen
Sitzung beizuwohnen. Herr W. bat Nell, er möge sie doch ein einziges Mal
hierherführen. Nell versicherte, daß die Mutter zur rechten Zeit kommen und
auch daran glauben würde.
W. kam nun längere Zeit nicht zu den Sitzungen, wie man
annahm seiner Mutter wegen. Er war aber schwer erkrankt, und bald darauf erfuhr
man durch die Zeitung von seinem Tod. Gleich begann er sich in den Sitzungen zu
melden, und all sein Bitten galt nur, seiner Mutter zu helfen, die durch seinen
Tod geradezu untröstlich sei, so daß er für sie das Schlimmste befürchtete.
Frau Silbert kannte seine Mutter gar nicht und auch
sonst niemand in unserem Kreis. Eine 60jährige Dame besuchte Frau Silbert immer, wenn
sie auf dem St. Peter-Friedhof das Grab eines Freundes aufsuchte, um sich bei
ihr ein wenig auszurasten und ein wenig zu plaudern. Eines Tages kam sie wieder
und bat, eine bekannte Dame, die sie auf dem Friedhof traf und die draußen auf
der Stiege wartete, hereinzubringen. - Frau Silbert willigte
ein. Die Dame wurde hereingeholt und war in tiefer Trauer. Begrüßungen wurden
gewechselt, jedoch keine Namen genannt und nur belanglose Gespräche geführt.
Nach einer Weile begann es im Tisch
ganz leise zu klopfen. Doch Frau Silbert tat, als ob
sie nichts gehört hätte und erhob ihre Stimme, um das Klopfen zu übertönen. Es
half nichts, auch die Klopftöne
wurden lauter. Frau Silbert blickte zur fremden Dame, was diese
wohl sagen würde, aber es schien, als hätte sie nichts gemerkt, denn sie saß
still und blickte zu Boden. Ihr Gesicht war mit einem schwarzen Schleier
bedeckt.
Das Klopfen wurde immer lauter, und die Regelmäßigkeit zeigte
das Kommen eines Diktates an. Jetzt konnte Frau Silbert der fremden
Dame die Sache nicht länger verheimlichen. Das Diktat wurde beendet, das
Klopfen war vorbei. Man trennte die Worte und entzifferte den Sinn. Frau Silbert schüttelte
den Kopf. Die fremde Dame schien aber diesen Sinn zu verstehen und bat
weiterzulesen: "... nicht ausführen, was Du heute zu tun beabsichtigst. Du
würdest Deinen Zweck nicht erreichen und Dich nur weiter von meinem Weg
entfernen und Deine Seele einen anderen Weg nehmen."
Die Dame erhob sich hastig, rannte in eine Ecke des Zimmers
und begann bitterlich zu weinen. Frau Silbert konnte sich
nicht zurechtfinden, war ganz verwirrt und fand keine Erklärung zwischen dieser
Botschaft und dieser Dame in Trauer. Nun drehte sich die Dame um, zog ihren
Schleier vom Gesicht und sprach unter Tränen: "Ich verstehe diese
Botschaft sehr gut, sie betrifft mich allein. Ich bin die Mutter des
verstorbenen W."
Frau Silbert war sprachlos. Frau W. wurde ruhiger,
setzte sich wieder, seufzte und erzählte: "Der Tod ihres Sohnes hatte sie
all ihres Lebensmutes beraubt. Ihr Leid war zu groß, um es ertragen zu können.
Die Zeit konnte nicht ihre Wunden heilen. Drei Monate nach seinem Tod fühlte
sie sich noch so gebrochen wie am Todestag selbst. Sie besuchte das Grab am
Vormittag, am Nachmittag und betete um ihren Tod. In ihrem argen Schmerz vergaß
sie Haushalt und Gatten.
Als ihr Sohn den letzten Atemzug tat, fiel sie weinend auf
die Knie und schrie wie rasend: 'Vergiß mich nicht, komm zurück, ich kann ohne
dich nicht sein.' Nach diesem Befehl, der mit zitternder Willenskraft geäußert
war, kehrte Leben in den Körper ihres Sohnes zurück, und er sprach zur Mutter:
'Warum rufst du meine Seele zurück, warum machst du die Freimachung so schwer, missgönne
mir nicht das Licht.' Dann sank er wieder zurück. Sie konnte die Worte nicht
vergessen. Ihr Gram wurde immer größer.
Während sie so erzählte, schaute sie oft unter den Tisch, da
sie berührt wurde, was sie aber nicht erschreckte. Nun fuhr sie fort: 'Ich
hatte heute alles geordnet und mit meinem Leben abgeschlossen. Vormittags ging
ich wieder zum Grab meines Sohnes. Heimgekommen setzte ich die Flasche mit Gift schon an die Lippen, wurde aber daran
gehindert, weil die Tür von meinem Mann geöffnet wurde. Ich versteckte
das Gift und ließ bei ihm gar keinen Verdacht aufkommen. Ich beschloss, abends
meinen Plan auszuführen. Als ich daheim nichts mehr zu tun hatte, verbrachte
ich noch die letzte Zeit am Grabe. Am Friedhof begegnete ich zufällig meiner
Bekannten, die sich antrug, mich nach Hause zu begleiten. Sie ließ mich vor
Ihrem Haus warten und führte mich dann hinein.
Ich kam hierher, ohne zu wissen und zu ahnen, wo ich mich
befand. Ich konnte an nichts anderes denken als an den beabsichtigten Selbstmord.
Jetzt erst wusste ich, dass ich mich im Hause der Frau Silbert befand,
wovon mein Sohn so viel erzählte. Ich bin aufrichtig genug zu sagen, dass ich
die Ansicht meinem Sohn gegenüber vertrat, dass Sie eine dunkle mysteriöse Frau
seien, die mit Hilfe der bösen Mächte die Leute für sich gewann.
Vergeben sie mir bitte das Unrecht, das ich Ihnen und meinem
Sohn antat. Der Zufall brachte mich in Ihr Haus, welches ich nie betreten
wollte. Sie und mein Sohn und eine
andere Macht noch haben mich abgehalten, Hand an mich zu legen. Wie
konnte es kommen, daß eine Absicht, von welcher ich nie sprach und die ich nur
in der Tiefe meiner Seele ängstlich verbarg, mein Sohn erfahren konnte? Ich
bitte Sie nochmals um Verzeihung.'
Wir waren tief ergriffen und empfanden großes Mitleid mit
dieser armen Mutter, die durch ihren freiwilligen Tod mit ihrem Sohn vereint
sein wollte. Wieder begann das Klopfen, und Frau W. fragte ihren Sohn, wo er
sei und wo er war, als er ihren Kummer fühlte, und ob er wüsste, was geschehen wäre,
wenn sie ihren Plan ausgeführt hätte.
Frau Silbert kam in Trance, und der
Sohn sprach einfach zu seiner Mutter Worte, die wie Balsam auf ihre wunde Seele
fielen. Er sagte ihr, dass bei Begehung
des Selbstmordes sie sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht hätte und
ihre Seele in finstere Regionen gekommen wäre, von seiner Seele weit entfernt.
Sie hätte für dieses Verbrechen zu
sühnen, denn niemand habe das Recht, sein Leben auch nur um eine Stunde zu
verkürzen, und wörtlich sagte er: 'Warum weinst du um mich. Ich bin in
lichten Sphären und bin glücklich, dass ich nichts mehr zu wünschen habe. Oder
willst du mich wieder in das Tränental zurückbringen, das ihr Erde nennt und
nur die Hölle ist?
Die Macht deiner Gedanken zog mich noch einmal zurück in
meine Erdengestalt, und es war doppelt schwer für mich, mich selbst wieder
davon zu befreien. Du hast mich lange gebunden gehalten. Erfülle deine Pflicht auf Erden, und wenn die
Stunde kommt, werde ich dich erwarten.'
Frau Silbert erwacht und sieht eine ganz veränderte
Frau vor sich. Aus ihren Augen blickte neuer Lebensmut, und sie schien mit
neuer Tatkraft erfüllt zu sein. Mit Worten des Dankes nahm sie Abschied. Später
kam sie mit ihrem Gatten, der Frau Silbert nicht genug
danken konnte. Beide waren nun glücklich und über das Schicksal getröstet, das
ihnen anfangs hart und grausam schien. Sie wurden fleißige Besucher und blieben
mit ihrem Sohn in Verbindung." {R. Sekanek: "Mutter
Silbert",
Otto
Reichl Verlag, Remagen 1959; zit. n. WS.LniT.129-131}
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